Aus dem Tagebuch eines Hundes 3 von 37 | Oskar Panizza

HundX

Mein Herr benutzt den Stock mit dem glänzenden Knopf nicht als Fuß- oder Regulierstange, um den Gang zu mäßigen, sondern um mich durchzuhauen.

Heute war ein schrecklicher Regentag, ein Gepatsch, ein Getransch, ein Gespritz, was sich Alles hier in der Stadt anders, ich möchte sagen, unnatürlicher ausnimmt, als an meinem früheren Aufenthaltsort. Dort, hört man, sickert die Erde mit Wollust die weißen Himmelsschnüre, die unendlichen, in sich ein; ein meilenweites Geräusch voll stunden- und tagelanger Trauer; eine grandiose Werkstätte. Hier zwischen den Steinquadraten, Türmen und Häusern mit undurchlässigem Boden platscht der Regen herunter wie eine künstliche Gosse, wie aus einem an Stricken über die Stadt hinübergezogenen Wolkenfeld, das nicht hierher gehört. Und die Menschen waten herum und begreifen nicht, wie die Schweinerei daherkommt.

Ich bin ein kleiner Hund, und als ich heut wieder stundenlang hinter den keuchenden Menschenzügen hintranschte, kam mir wieder die alte Versuchung, diese merkwürdige Race näher anzusehen, sie zu prüfen, sie im Hinblick auf den Hund zu studieren. Und ich will mich ausstopfen lassen, wenn ich heute, begünstigt durch den Regen, nicht eine merkwürdige Entdeckung, ein famoses Einteilungsprincip zu Stande gebracht: Ein Unterschied fiel mir schon lange auf bei dieser Hüpf- und Schlenker-Race, dass bei den Einen der Körper in zwei stocksteife, baumdicke Röhren oder Säulen endet, mit denen sie höchst gezwungen, mühsam schlenkernd und zuckend sich vorwärts bewegen; während bei den Andern der Unterkörper in eine kegelförmige Abstumpfung endet, die ihnen aber trotzdem gestattet, ähnlich wie dem Igel, genügend vorwärts zu kommen. Vielleicht giebt es in dieser ganzen Stadt-Komödie noch mehr Menschen. Doch habe ich Alles bisher Gesehene auf diese zwei Haupttypen zurückführen können. Aber wie erstaunte ich heute, als ich – durch meine Kleinheit begünstigt – mitten unter dem Hin- und Hergetrapp bemerkte, dass auch die kegelförmig endenden Menschen unter diesem merkwürdig gewachsenen Fell ähnliche röhrenförmige – freilich wieder ganz anders geartete – aber doch bolzige, sich bewegende Beine haben. Und ich muss mich sehr täuschen, wenn die Zweiteilung des Körpers nicht sehr hoch hinauf geht. Welche Entdeckung! Welch merkwürdige Spielart hat hier die Natur hervorgebracht! Und was hat sie sich dabei gedacht? Also diese voluminösen, unten dick geschwollenen Exemplare haben unter dieser Schwellung Beine! Ich konnte dies heute, wo Einige diesen kolossalen, glockenförmigen Bein-Ueberzug etwas lüfteten, mit aller Schärfe entdecken. Und während also den Einen die Natur gestattet, ihre Beine zu zeigen (und weiß Gott was für schraubenförmige Bewegungen damit zu machen!), gab sie den Andern die Fähigkeit, selbe in eine Art Körper-Glocke (denn dieser Ueberzug ist teilweise hohl) zu verstecken! Also Bein-Zeiger und Bein-Verstecker! Diese beiden Species sind sicher. Mögen Medusen- und Tintenfisch-Endigungen noch bei dieser höchst variablen Race vorkommen (in anderen Städten), die ich noch nicht gesehen. – Diese zwei sind sicher. Beinzeiger und Beinverstecker. Welche Entdeckung! Und was wird noch nachkommen! Mir taumelt der Kopf! –

Über Aventin

Von einem, der sich aufmachte Weisheit zu finden. - Fabeln - Novellen - Sagen - https://aventin.de
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